#Gastbeitrag – Innovatoren gesucht! Gründen ist Berufswahl


Die Startups des Dotcom-Booms haben es vorgemacht: Einst belächelt, sind viele heute tragende Säulen großer Volkswirtschaften. Sie vereinen Innovationskraft, wirtschaftliche Power und Arbeitsplätze. Nun will jedes Land sein eigenes Google oder Amazon schaffen. Dementsprechend wichtig sollte die Startup-Förderung sein. Doch der Zugang zu essentiellen Gründungsressourcen ist limitiert. Viele ambitionierte Gründer scheitern; ihre Innovationen und ihr Talent versanden. Es braucht neue Konzepte, um diese Barrieren einzureißen. Talent Investing könnte eine Lösung sein.

Der deutschen Wirtschaft gehen die Ideen aus! Der deutsche Mittelstand, bislang der Innovationsmotor der heimischen Industrie, verliert an Innovationskraft. Laut dem Mittelstandspanel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sank der Innovatorenanteil in der deutschen Unternehmenslandschaft seit 2006 von 43 auf nur noch 19 Prozent. Entrepreneure und Startups wittern ihre Chance, dieses Innovationsvakuum zu füllen. Ihr Potenzial ist immens: Immerhin bieten gemäß KfW-Gründungsmonitor 16 Prozent der neu gegründeten Startups nicht nur innovative Produkte, sondern Marktneuheiten und somit das Potenzial auch mittelbar Arbeitsplätze und Wohlstand zu schaffen.

In vielen Märkten sind Gründer aufgrund ihres Ideenreichtums bereits elementarer Bestandteil der Wirtschaft – und werden auch als solcher angesehen. In den USA ist die Beschreibung Entrepreneurial Economics ein geflügelter Begriff. Der dortige wirtschaftliche Erfolg beruht auf innovativem und kreativem Unternehmertum. Und so kreieren High-Growth-Startups in den USA jährlich jede achte neue Stelle. Das ergab eine Untersuchung der Information Technology & Innovation Foundation. Insgesamt ist die globale Startup-Wirtschaft inzwischen drei Billionen US-Dollar wert (2019 Global Startup Ecosystem Report, Startup Genom). Zum Vergleich: Das französische Bruttoinlandsprodukt betrug im vergangenen Jahr knapp 2,8 Billionen US-Dollar.

Gründe genug, der Startup-Wirtschaft in Deutschland kräftig unter die Arme zu greifen – und ihr unternehmerisches Potenzial abzuschöpfen. Doch hierzulande wird das Startup-Ökosystem in der eigenen Innovationskraft eingeschränkt. Denn Startups sind ressourcenintensiv; Kapital ist für sie überlebenswichtig. Allerdings müssen Entrepreneure erstmal Mitgründer finden, Ideen iterieren, Marktanalysen erstellen, Prototypen bauen oder Businesspläne ausarbeiten, um eine Finanzierungsrunde zu erhalten. Auch, um bei einem Accelerator aufgenommen zu werden, müssen Gründerteam und Ideen stehen. 

Hierfür braucht es unternehmerische Erfahrung, Netzwerke und Kapital. Hürden an denen viele unerfahrene, aber dennoch hoch-innovative Gründer scheitern; etwa Quereinsteiger aus der Wirtschaft oder der Forschung. Ihre Ideen versanden in der Folge bereits, bevor sie die Chance hatten, sich am Markt zu beweisen. Der Vergleich mit anderen Startup-Märkten zeigt: Deutschland hat bei der Förderung talentierter Jung-Unternehmer Nachholbedarf.

Co-Founder gesucht!

Startup-Gründung ist Teamsache. Denn gerade in der hitzigen Gründungsphase sind die Herausforderungen mannigfaltig. Gründer müssen parallel das Produkt weiterentwickeln, Kunden gewinnen, Investoren überzeugen, ein Team aufbauen, administrative Aufgaben abarbeiten. Hier geraten sogar erfahrene Entrepreneure an ihre Grenzen. Und so überrascht es nicht, dass laut Deutschem Startup Monitor drei Viertel aller Startups im Team gegründet werden.

Doch: die richtigen Mitgründer zu finden erfordert Netzwerke. Eine Herausforderung für angehende Entrepreneure in Deutschland. Warum? Die Gelegenheiten sind rar gesät. Der State of European Tech des Wagniskapitalgebers Atomico untersuchte 2018 die Zahl der Meetups in europäischen Startup-Hubs. Wichtige Gelegenheiten für Gründer, um Gleichgesinnte kennenzulernen und sich auszutauschen. Das Ergebnis: Überraschenderweise leben die meisten professionellen Entwickler in Deutschland nicht in Berlin, sondern in Köln (165.900) und Frankfurt am Main (120.700). Und in beiden Städten fanden jeweils lediglich knapp 1.800 Meetups statt. Zum Vergleich: London zieht an der Spitze einsame Kreise. Entwickler trafen sich auf über 29.000 Meetups, gründeten 2.287 Startups.

Kapital ist ein rares Gut

Gründen kostet! Laut dem Gründungsmonitor 2020 der KfW betrugen die Kosten für eine Neugründung im vergangenen Jahr 16.700 Euro, im Vollerwerb gar 36.400 Euro; laufende Kosten nicht inklusive. Dementsprechend wichtig ist ausreichend Early-Stage-Kapital. Andernfalls müssen viele Innovatoren bereits kurz nach der Gründung Konkurs anmelden – oder scheuen angesichts der Kosten den Weg in die Selbstständigkeit gleich ganz.

In den USA treffen Jungunternehmer daher auf ein breites Spektrum an Finanzierungsmöglichkeiten. Alleine Angel Investoren steckten laut dem Report The American Angel 2017 über 24 Milliarden US-Dollar in heimische Frühphasen-Startups. In ganz Europa investierten Angel 2018 „lediglich” knapp über ein Drittel dieser Summe (State of European Tech). 

Und wenn Angel Investoren nicht finanzieren, gelangen Startups in den USA schnell und unkompliziert an staatlich gestützte Unternehmensdarlehen, sogenannte Small Business Loans. In Deutschland hingegen scheuen reguläre Banken Startup-Kredite. Das Ausfallrisiko ist angesichts der risikoreichen Geschäftsmodelle der Jungunternehmen zu groß. Die Folge: Mehr als die Hälfte aller Gründerinnen und Gründer muss laut der KfW die Kosten in der Gründungsphase aus Privatmitteln finanzieren. 

Die harte (Unternehmer-)Schule

In Deutschland tummeln sich technisch versierte Gründer. Laut Deutschem Startup-Monitor haben über 43 Prozent der Gründer einen Abschluss in MINT-Studiengängen. Doch um ein Startup erfolgreich zu skalieren und zu führen sind, neben einem innovativen Produkt und technischem Know-How auch unternehmerische Fähigkeiten entscheidend. Und hier hinken deutsche Universitäten hinterher. Die VC-Datenbank PitchBook untersuchte die Alumnis der Top-Universitäten weltweit: wie viele haben gegründet, wie viel Wagniskapital sammelten sie ein? Keine einzige deutsche Universität schaffte es in die Top-50 dieser Aufzählung. Mit Ausnahme einiger weniger israelischer Unis dominierte der Ausbildungsstandort USA.

Wie stärken wir den Gründer-Standort Deutschland?

Die Zahlen machen klar: Wir brauchen ein neues Förderungsmodell für angehende Entrepreneure und Startups. VCs und Acceleratoren allein können und sollen dies nicht leisten. Ihre Verantwortung beginnt ab der Seed-Phase. Vorher können sogenannte Talent Investoren einspringen. Ihr Ansatz: Sie investieren nicht in existierende Startups, Firmen, Konzepte oder Businesspläne sondern in Individuen. Sie setzen bereits ganz zu Beginn der Wertschöpfungskette an – der Phase Null der Startup-Gründung – und finanzieren ausgewählte, talentierte Einzelpersonen aus der Wirtschaft, Forschung oder Builder-/Maker-Netzwerken. Und das noch bevor sie eine Idee oder ein Team haben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Diese Talente sind in zu einem großen Teil sehr  seniorig, verfügen über jahrelange Industrie-Erfahrung in leitenden Positionen, sind global anerkannte Forscher oder haben bereits einige Gründer-Erfahrung als sogenannte Maker oder Builder. Talent Investoren suchen in diesen Gruppen gezielt nach Individuen mit starkem Durchsetzungsvermögen, nicht-linearen Lebensläufen und Führungsvermögen.

Wichtig: Die Unterstützung der Talent Investoren beschränkt sich nicht auf das Schließen der Kapitallücke zwischen Ideenfindung und (Pre-)Seed-Finanzierungsrunde. Die Finanziers unterstützen High Potentials zusätzlich bei der Ideenfindung, dem Team Building und der Skalierung des späteren Startups. Sie vermitteln das dringend benötigte unternehmerische Know-How, etablieren Prozesse sowie Tools für die Zusammenarbeit und knüpfen Netzwerke zu Mentoren und Mitgründern. Eben jene Schwachstellen der Startup-Gründung in Deutschland.

Hierfür bilden Talent Investoren stets mehrere Kohorten aus verschiedenen Entrepreneuren und bringen diese komplementären Gründer-Profile an einen Tisch. Innerhalb von mehrmonatigen Programmen helfen sie ihren Kohorten dann dabei, den bestmöglichen Mitgründer zu finden. Ideation und Team-Building sind in diesem Vorgehen häufig ein gemeinsamer Prozess. Besprechen und diskutieren zwei Talente während des Matchmakings eine gemeinsame Idee, zeigt sich schnell, ob hieraus ein funktionierendes Team entstehen kann. Eine Kernfusion für angehende Gründer.

Im nächsten Schritt geht es dann vor das Investment-Komitee des Talent Investors. Dieses entscheidet, welche Gründerteams eine Pre-Seed-Finanzierung erhalten. Mit frischem Kapital ausgestattet arbeiten die Teams dann mit ihren Venture Partnern an Prototypen, dem Aufbau eines Mitarbeiterstabs und der tatsächlichen Gründung des Startups. Die Talent Investoren bereiten die Gründerteams auf einen abschließenden Demo Day vor, an welchem sie sich Investoren präsentieren können. Die Entrepreneure erhalten durch den Demo Day den dringend benötigten Zugang zu Investoren für Anschlussfinanzierungen. Hiermit schließt sich die Lücke zu den ersten Frühphasen-Finanzierungen seitens der Wagniskapitalgeber.

Talent Investing: ein risikoreiches Unterfangen?

Ein Konzept mit positiven Resultaten: Insgesamt durchliefen seit 2011 über 3.000 Teilnehmer das Programm des Talent Investors Entrepreneur First. Ausgehend von diesen Erfahrungen achten Talent Investoren bei Bewerbern zum einen auf  die intellektuellen Fähigkeiten und quantifizierbare technische Expertise – etwa Produkte, die sie in früheren Jobs entwickelten oder Forschungsergebnisse, welche die Bewerber veröffentlichten. Zum anderen werden weichere Faktoren wie Kreativität oder Determination in sogenannten Behavioral Interviews angesehen.

Über 300 Startups gingen somit schon aus dem Programm hervor. Der Portfolio-Wert beträgt über zwei Milliarden US-Dollar und die Alumnis des Programms haben mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar in Anschlussfinanzierung gesammelt. Noch wichtiger für die potenziellen Gründer: In der Startup-Szene kursieren immer wieder die gleichen Zahlen; zwischen 80 und 90 Prozent der Startups scheitern nach den ersten drei Jahren. Dies gilt nicht für Jungunternehmen aus Talent-Investing-Programmen. Hier überstehen 30 bis 40 Prozent die kritische Marke.

Über den Autor
Philipp Herkelmann ist General Manager (Germany) des Talent Investors Entrepreneur First. Gemeinsam investieren sie in hoch talentierte und ambitionierte Einzelpersonen und unterstützen sie bei der Startup-Gründung. Zuvor sammelte er Erfahrung in der Startup- und Tech-Branche als Gründer und CEO der Crowdfunding-Plattform GiftMe, Produkt Manager, über Positionen im Bereich Sales & Business Development bei Google, als DeepTech-Program-Manager bei X – The Moonshot Programm und als Angel Investor. 

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Foto (oben): Shutterstock

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